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Quantensprung oder Evolution

Annette Hoffmann
25.10.04

Eine Gemeinschaftsausstellung von Professoren und ihren Studierenden... ja, geht das denn? Ist das nicht ähnlich (wenig) wünschenswert wie als Pubertierender Eltern zur Seite zu haben, die selbst die Musik ihrer Kinder gut finden? Fehlt da nicht die Autorität, gegen die man sich auflehnen kann? Kay Treysse hat das Problem der Abnabelung zeichnerisch gelöst. „Feuer oder Tod – Die Herren Professoren verbrennen Papierarbeiten“ steht unter den drei bärtigen Männern, die gerade ihre eigenen Werke anzünden. Gewiss, das wäre ein radikaler Generationswechsel.

Der Gang durch die Jubiläumsausstellung „150 Jahre“ in der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe zeigt, dass es nicht der eingeschlagene Weg ist. Vielmehr bilden die Räume und ihre Werkpräsentation das jeweilige Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden ab. Silvia Bächli hat ihren Zeichnungen ein eigenes, sehr ruhiges Zimmer gegönnt, während der Besucher bei ihren Schülern zum Stöbern und Blättern in Skizzenbüchern verleitet wird. Wawrzyniec Tokarski, der in Karlsruhe eine Vertretungsprofessur übernommen hat, fordert die Studierenden gar zum künstlerischen Quantensprung auf. Ein wissenschaftlich wirkendes Diagramm mit den Parametern „technology“ und „years“ ordnet das kontinuierliche Lernen dem sprunghaften Erfolg unter. „Say ‚no‘ to evolution! Jump straight onto the highest development level“ kann man über den beiden Kurven lesen. Ein bisschen Ironie wird schon dabei sein, schließlich unterrichtet man nicht umsonst junge Künstler.

Nur wenige haben wie die Klasse von Ernst Caramelle über die Ausbildung an sich in ihren Arbeiten nachgedacht. Betritt man das Klassenzimmer sieht man sich einer alltäglichen Situation gegenüber: mehrere Stühle, es sind ebenso viele wie die Klasse Schüler fasst, sind um einen Tisch gruppiert. Aus den dort installierten Lautsprechern hört man mit seltsam flacher Stimme „Das ist doch typisch Slominiski, der immer mit seinen Objekten“. Ganz normale Klassenbesprechungen wurden von den Studierenden aufgenommen, transkripiert und von Sprechern eingelesen. Dass viele Besucher gleich wieder gehen und sich nicht die Mühe machen zuzuhören, bedauert die studentische Aufsicht. Dabei gibt die Installation wohl mehr als vieles andere den Alltag an der Akademie wieder. Die meisten Klassen haben jedoch die Jubiläumsausstellung für die eigene Präsentation genutzt, denn die offizielle Eröffnung am 20. Oktober brachte viel Prominenz ins Haus.

Zumindest anlässlich von „150 Jahre“ ist die Freiburger Außenstelle in der Mitte der Karlsruher Akademie angekommen. Drei Räume und den Flur bespielt die Klasse von Leni Hoffmann, Schirin Kretschmann hat mit einer Installation aus Klebeband farbige Linien durch die Röhre der Wendeltreppe gelegt. Anders als ihr Kollege Günter Umberg hat Leni Hoffmann sich dem demokratischen Prinzip verpflichtet gefühlt. Alle ihre Schüler sind in Karlsruhe mit Arbeiten vertreten. Dass sie sich bei ihrer Lehre mit ihren Studenten auf Augenhöhe befindet, betont sie im Gespräch mehrmals. Bei ihrer Installation „pinkenpaa“ ist sie sogar einen Schritt weiter gegangen. Der Knetteppich aus grünen Blöcken, der mit lilafarbenen Streifen durchsetzt ist, befindet sich zu Füßen der Schülerarbeiten. Obgleich die künstlerischen Ansätze der Studierenden heterogen sind, wirkt vieles dennoch aufeinander abgestimmt. Die feinen Farbverläufe in der Malerei von Beatrice Adler korrespondieren mit dem Fähnchen des bootförmigen Objektes von Bernhard Bretz und auch die zart getönten architektonischen Entwürfe auf Glas von Sonia Ramirez-Becker gehen hier nicht unter. Günter Umberg hat sich für eine andere Lösung entschieden. Die bunten, skurrilen Entwürfe von Steffen Lenk und Katharina Pöpping, die weder von Comicfiguren noch vor Milchtüten Halt machen, sind mit vergleichbaren Arbeiten in einem Raum zusammengefasst. Der strengen, monochrom schwarzen Konzentration seiner eigenen Werke stellt Umberg das Farbige und verspielt Fragile gegenüber. Seine rechteckigen Formate konkurrieren nicht mit den grünen, blauen, roten und gelben Farbpigmentkegeln und -quadern von Inga Müller und der Holzlatteninstallation von Freya Richter. Sie schärfen nur den Blick für die Unterschiede.


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Stephan Balkenhol



Schirin Kretschmann



Beatrice Adler, Sonia Ramirez-Becker, Bernhard Bretz



Steffen Lenk/Katharina Pöpping



Freya Richter, Günter Umberg, Inga Müller


Links:
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe

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Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
Reinhold-Frank-Straße 81/83, Bismarckstraße 67, Karlsruhe (D).

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 11.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 21.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 31. Oktober 2004.

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